Matthias' Leben mit Prothese


Silvesternacht 2013/2014: Zusammen mit Freunden feiert Matthias in das neue Jahr, natürlich darf auch in Feuerwerk nicht fehlen. Der damals 26-Jährige hält das Feuer an die Lunte, jedoch wandert es nicht zum Feuerwerkskörper. Matthias dreht sich nach hinten, um seine Freunde darauf aufmerksam zu machen. Plötzlich knallt es und eine Druckwelle erfasst ihn. Als er sich nach vorne wendet, sieht er das ganze Ausmaß des Geschehens: Seine linke Hand ist nicht mehr vorhanden, nur noch ein Teil des Handwurzelknochens ist übrig.

Die Partygesellschaft reagiert schnell und der Rettungswagen bringt Matthias ins Krankenhaus, wo er auch auf weitere Schäden untersucht wird. „Ich kann mich noch gut an meine ersten Gedanken erinnern, kurz nachdem ich gesehen habe, dass meine Hand fehlt: ‚Zum Glück muss ich dann die Matheprüfung im März nicht mitschreiben!‘ Denn im März 2014 stand für mich eine wichtige Matheprüfung an, die versprach, eine Herausforderung zu werden.

Ich war in dem Moment mit der ganzen Situation komplett überfordert und habe versucht, eine logische Konsequenz aus dem, was gerade passiert war, abzuleiten“, berichtet er. Die Ärzte legen Matthias zwei Tag ins künstliche Koma. Die Explosion verursachte noch Fremdkörpereinschüsse in beiden Oberschenkeln und dem rechten Knie. Zudem wurde auch das Gesicht des Studenten in Mitleidenschaft gezogen. Ebenfalls war noch die Ulna des linken Armes gebrochen. „Danach habe ich irgendwie versucht, zu verarbeiten, was passiert war, um wieder Kontrolle über meine Situation zu erlangen. Einziger Gedanke, der in meinem Kopf kreiste, war: ‚Wie soll‘s weitergehen?‘

“Ehrlich gesagt, war ich noch nie in meinem Leben so überfordert! Dazu kam der Gedanke, es doch einfach zu beenden.”

Durch psychologische Therapie weiß ich, dass das ein nachvollziehbarer Prozess ist, um die Kontrolle über eine Situation zu erlangen, in dem man diese gerade verloren hat. Die Gedanken waren da, aber ich habe mich von ihnen nicht bestimmen lassen“, erinnert sich Matthias. Noch im Krankenhaus drängten sich viele Fragen auf: Ist eine Prothese wirklich nötig und wenn ja, wer soll das bezahlen? Seine damalige Freundin zeigt Matthias ein Video von Nigel Ackland und seiner BeBionic-Hand. „Er konnte auch mit seiner Prothese das Teufelshörnchen machen. Das hat mich sehr bewegt, weil ich schon sehr lange Metal höre und zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ob ich das mit beiden Händen tun könnte.

Danach habe ich recherchiert, welche Prothesenlösungen es noch gibt. Aufgrund der Funktionalität und des Designs bin ich damals bei der i-Limb Ultra Revolution von Touch Bionics (Össur) gelandet.“ Im Sanitätshaus Orthovital in Leipzig konnte er die Prothese ausprobieren – und es war Liebe auf den ersten Blick. Heute trägt er die i-Limb Quantum.

Beruflich hat sich für Matthias nicht viel geändert. Vor dem Unfall studierte er Maschinenbau an der TU Dresden und steckte mitten im Vordiplom, als die Silvesternacht kam. Ein Jahr pausierte er dann, um wieder auf die Beine zu kommen und genügend Zeit für die Verarbeitung zu haben. Anschließend steigt Matthias wieder ein und erlangt sein Vordiplom. „Ich habe mich dann für die Vertiefung Luft und Raumfahrttechnik mit der zusätzlichen Vertiefung auf Luftfahrtantriebe entschieden. Das war schon immer mein großer Traum gewesen. Danach hat es bis 2018 gedauert, bis ich festgestellt habe, dass das nicht das Richtige für mich ist“, legt Matthias rückblickend dar.

Viele Bekannte hatten ihm zu dem Zeitpunkt immer wieder geraten, mit seinen Erfahrungen doch in die Prothetik zu wechseln. Und tatsächlich ergibt es sich, dass der wissbegierige Student 2019 ein Praktikum bei Touch Bionics (Össur) im Bereich Forschung und Entwicklung für Handprothesen in Livingston (Schottland) absolvieren kann. „Dort habe ich viel gelernt und habe auch gesehen, mit wie viel Leidenschaft und Herzblut meine Kollegen bei der Arbeit waren bzw. sind und dass dieser Bereich aufgrund seiner Interdisziplinarität von Medizin, Psychologie, Therapie und Ingenieurwissenschaften ein sehr interessanter Arbeitsplatz ist. Deswegen werde ich mein Studium mit der Vertiefung für Luft- und Raumfahrttechnik zu Ende bringen, aber danach in die Prothetik wechseln“, plant Matthias.

Matthias' Tipp für Betroffene

Sucht euch eine Community auf Facebook, Twitter etc. und vernetzt euch mit Menschen. Die haben ähnliche Dinge durchgemacht wie ihr und können euch mit Rat und Tat zur Seite stehen, sodass ihr hoffentlich kaum negative Erfahrungen machen müsst. Gebt euch Zeit und habt Geduld. Der ganze Verarbeitungsprozess meiner Situation und damit verbunden meinem Selbstwertgefühl hat fast fünf Jahre gedauert, bis ich wieder auf dem Stand vor dem Unfall war. Es ist kein einfacher Weg, aber er ist es auf jeden Fall wert. Und: Wenn ihr Kontaktsport (zum Beispiel Fußball) betreiben wollt, besorgt euch eine Handgelenkbandage oder einen Handgelenkschützer (vermindert das Verletzungsrisiko erheblich, wie ich aus eigenen Erfahrungen nun weiß …).

Oberflächlich betrachtet, hat sich also für Matthias nicht viel geändert. Er ist glücklicherweise Rechtshänder, spielte keine Instrumente und auch sein Studium konnte er uneingeschränkt weiterführen. „Aber tief in mir drinnen hat sich einiges getan. Ich habe dadurch eine ganz andere Wahrnehmung und Wertschätzung für die kleinen bzw. simplen Dinge des Lebens bekommen, wie zum Beispiel ohne große Probleme aus meinem eigenen Bett aufzustehen, ohne Schmerzen. Oder wie schön es ist, einfach nur den Wind in meinem Gesicht zu spüren. Zudem gehe ich mit Dingen und Situationen anders um, als ich es früher getan hätte. Früher war ich eher vorsichtiger und habe unangenehme, aber vielleicht vielversprechende Chancen abgelehnt. Jetzt versuche ich, alles mitzunehmen, was geht, weil ich nicht weiß, wann es vorbei ist“, legt der Dresdner offen.

Sport war und ist zudem seine Leidenschaft. Durch ihn hat er seine positive Einstellung und den so wichtigen Kampfgeist nicht verloren. Deshalb hat der Sportler auch im Sommer bzw. Herbst nach dem Unfall an seinem ersten 10-km-Lauf in Dresden teilgenommen. „Ehrlich gesagt, werden die Erinnerungen an meine linke Hand zunehmend blasser, weil sie durch schöne und gute Erinnerungen mit meiner neuen coolen linken Hand ‚überschrieben‘ werden“, schmunzelt er. „Für mich bedeutet die i-Limb alles! Sie gibt mir das Gefühl, wieder komplett zu sein.

Mittlerweile ist sie zu einem Teil von mir geworden. Das geht sogar so weit, dass mich meine Freunde manchmal darauf hinweisen, dass ich mich an meiner Prothesenhand kratze, ohne es zu bemerken. Außerdem ermöglicht sie mir, Hobbys und Tätigkeiten auszuführen, die ohne Prothese schwer möglich wären, wie zum Beispiel: Gundam-Modelle bauen, Fahrrad und Auto fahren, Löcher bohren etc.“, zählt Matthias auf. Sehr dankbar ist der 32-Jährige, dass er während der gesamten Zeit auf seine Familie und Freunde bauen konnte. „Ohne sie wäre ich jetzt nicht dort, wo ich bin“, sagt er demütig.

Was Matthias verwendet

Matthias trägt die i-Limb Quantum. „Für mich bedeutet die i-Limb alles! Sie gibt mir das Gefühl, wieder komplett zu sein. Mittlerweile ist sie zu einem Teil von mir geworden. Das geht sogar so weit, dass mich meine Freunde manchmal darauf hinweisen, dass ich mich an meiner Prothesenhand kratze, ohne es zu bemerken. Außerdem ermöglicht sie mir, Hobbys und Tätigkeiten auszuführen, die ohne Prothese schwer möglich wären, wie zum Beispiel: Gundam-Modelle bauen, Fahrrad und Auto fahren, Löcher bohren etc.“