Alles rund um die Amputation | Össur Anwenderportal

Wenngleich sich kein Schicksal mit dem anderen vergleichen lässt: Du bist mit Deiner Situation nicht allein! Millionen Menschen leben weltweit mit dem Verlust einer Extremität. Allerdings gibt es in Deutschland kein Amputationsregister, weshalb keine gesicherten Zahlen zur Anzahl der Amputationen (Epidemiologie) existieren.

Unter einer Amputation versteht man die Abtrennung von Gliedmaßen, Teilen von Gliedmaßen oder Weichteilen – entweder durch ein Trauma oder chirurgisch, im Rahmen einer Operation. Eine chirurgische Entfernung ist medizinisch dann notwendig, wenn der Körperteil so schwer betroffen ist, dass er nicht erhalten werden kann. Ziel ist es, schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen oder Lebensgefahr abzuwenden.

Der Begriff „Amputation“ ist aus dem lateinischen von „amputare“ abgeleitet. Er bedeutet so viel wie „ringsherum abschneiden“ (ambi = herum; putare = beschneiden, reinigen, putzen)

Amputationsursachen

Die Ursachen einer Amputation sind vielfältig. Die Mehrzahl der Amputationen der oberen Extremität ist auf ein Trauma (z.B. Arbeits- und Verkehrsunfälle) zurückzuführen und tritt mehrheitlich bei jüngeren Menschen auf. Menschen, die eine Amputation der unteren Gliedmaßen erleiden, sind im Durchschnitt älter. Hier liegt der Amputation meist eine Durchblutungsstörung (periphere arterielle Verschlusserkrankung, pAVK) zugrunde.

Bei der pAVK handelt es sich um eine krankhafte Veränderung der Arterien oder der Aorta, welche die Extremitäten versorgen. In 80 % der Fälle sind die unteren Extremitäten betroffen. Als Hauptursache gilt Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Hierdurch kann es zu sogenannten Stenosen kommen - Engstellen in den Arterien. Diese haben Durchblutungsstörungen der Beine zur Folge, was Beschwerden beim Gehen verursacht. Da die Betroffenen beim Gehen immer wieder stehen bleiben müssen, wird die Erkrankung auch als Schaufensterkrankheit bezeichnet. Im fortgeschrittenen Stadium können die Schmerzen bereits im Ruhezustand auftreten. Im schlimmsten Fall droht eine Amputation. Zu den Risikofaktoren zählen u. a. Bewegungsmangel, Adipositas (Fettleibigkeit), Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes Mellitus.

Amputationsursachen obere Extremität:

  • 90 % Trauma (Unfall)
  • < 5 % pAVK
  • < 3 % Dysmelien (angeborene Fehlbildung)
  • < 3 % Infektionen
  • < 3 % Verschiedenes

Amputationsursachen untere Extremität:

  • 75 - 80 % pAVK
  • < 5 % Trauma
  • 3 - 5 % Unfall
  • < 3 % Dysmelien
  • 5 % Verschiedenes

Quelle: Baumgartner R., Botta P. (2016) Amputation und Prothesenversorgung (4. Aufl.). Georg Thieme Verlag KG.

Amputationsarten

Die unterschiedlichen Amputationshöhen haben grundlegende Auswirkungen auf die Rehabilitation und die anschließende prothetische Versorgung. Die Amputationsarten werden nach ihrer Höhe wie folgt unterteilt.

Obere Extremität

Amputation im Schulterbereich

Hier werden die Schultergürtelamputation und die Schulterexartikulation unterschieden. Bei einer Schultergürtelamputation wird nicht nur der gesamte Arm, sondern auch Teile des Schultergürtels amputiert. Wenn der Schultergürtel erhalten bleibt und die Amputation im Schultergelenk erfolgt, spricht man von einer Schulterexartikulation.

Bei solch hohen Amputationen ist mit weitreichenden funktionellen Einschränkungen zu rechnen. Je höher eine Amputation ist, desto komplexer ist die Situation und desto komplexer wird auch die spätere Versorgung mit einer Prothese.

Oberarmamputation

Bei einer Amputation im Oberarmbereich, auch transhumerale Amputation genannt, wird der Oberarmknochen durchtrennt. Hierbei unterscheidet man in kurze, mittellange und lange Oberarmamputationshöhen. Die verschiedenen Amputationshöhen haben Vor- und Nachteile hinsichtlich der Funktionalität mit und ohne Prothese.

Ellenbogenexartikulation

Als Ellenbogenexartikulation bezeichnet man eine Amputation im Ellenbogengelenk. Der Oberarm bleibt dabei meist vollständig erhalten. Da die Beweglichkeit des Ellenbogens verloren geht, wird mit prothetischen Komponenten versucht, diesen Verlust so gut es geht auszugleichen. Allerdings ist das nicht vollständig möglich. Bei einer derartigen Versorgung kann es zu einer Überlänge im Oberarm im Vergleich zur erhaltenen Seite kommen.

Unterarmamputation

Amputationen im Bereich des Unterarms (transradiale Amputationen) werden in lange, mittellange, kurze und ultrakurze Unterarmamputationen unterschieden. Auch hier gibt es Vor- und Nachteile hinsichtlich Funktionalität mit und ohne Prothese. Bei einem erhaltenen Ellenbogengelenk bleibt die Auswärts- und Einwärtsdrehung des Unterarms (Pro- und Supination) erhalten.

Handgelenksexartikulation

Bei einer Handgelenksexartikulation wird die komplette Hand im Bereich des Handgelenks entfernt. Hierdurch geht die Möglichkeiten verloren, das Handgelenk zu bewegen. Bei einer prothetischen Versorgung kann es auch hier zu einer Überlänge im Vergleich zur erhaltenen Seite kommen. Dies gilt es zu beachten, um Funktionseinschränkungen zu vermeiden (z.B. die Gabel zum Mund führen).

Hand-/Fingeramputation (Teilhandamputation)

Unter Teilhandamputationen versteht man alle Amputationen distal (vom Herzen entfernt liegend) des Handgelenks. Dabei werden Teile der Hand und/oder Finger amputiert. Im Vergleich zur Handgelenksexartikulation, bleibt das Handgelenk erhalten und somit in der Regel auch seine Funktion. Bei verbliebenen Fingern oder Teilfingern wird in Kombination mit einer Prothese eine Greiffunktion ermöglicht.

Untere Extremität

Amputation im Hüft- und Beckenbereich

Bei einer Hüftexartikulation wird das Bein im Hüftgelenk entfernt. Wird das Bein mit der zugehörigen Beckenhälfte entfernt, spricht man von einer Hemipelvektomie und von einer Hemikorporektomie, wenn die gesamte untere Körperhälfte mit Beinen, Beckenknochen und Organen aus der Beckenhöhle amputiert wird. Jede Form der Amputation im Hüft- und Beckenbereich bedeutet eine erhebliche Einschränkung der funktionellen Leistungsfähigkeit. In der Regel ist es aber mit einer Hüftexartikulationsprothese und an Unterarmgehstützen möglich, kürzere Wegstrecken zurückzulegen.

Oberschenkelamputation

Eine Oberschenkelamputation wird oberhalb des Kniegelenks durchgeführt. Sie kann auf der gesamten Länge des Oberschenkels erfolgen. Heute ist auch bei kürzeren Stümpfen eine gute prothetische Versorgung mit einem Schaft möglich, der das Sitzbein umfasst (sitzbeinumfassender Schaft). Hierdurch kann eine gute Mobilität erzielt werden.

Kniegelenksexartikulation

Bei einer Knieexartikulation wird das Bein durch die Amputation im Kniegelenk entfernt. Durch das Entfernen des gesamten Unterschenkels fehlt somit das anatomische Kniegelenk. Der Oberschenkel bleibt jedoch – meist mit Kniescheibe – erhalten. So entsteht ein meist vollbelastbares Stumpfende, das prothetisch gut zu versorgen ist.

Unterschenkelamputation

Eine Unterschenkelamputation wird unterhalb des Kniegelenks durchgeführt, wobei manchmal auch das Wadenbein komplett mit entfernt wird. Hierbei bleibt die Funktion des Kniegelenkes voll erhalten. Dies ermöglicht meist eine gute prothetische Versorgung mit einer Unterschenkelprothese.

Die komplexen Bewegungen, die Geschicklichkeit, Sensibilität und Funktionsfähigkeit der menschlichen Extremitäten können derzeit noch nicht vollständig durch den Einsatz einer Prothese nachgebildet werden.

Unabhängig von der zugrunde liegenden Diagnose, ist das Ziel der chirurgischen Amputation eine stabile funktionelle Extremität, wobei schmerzhafte Folgeerscheinungen minimiert werden sollen. Die Chirurgen versuchen in der Regel einen möglichst langen Stumpf zu erhalten. Handelt ist es sich um einen planbaren Eingriff und wird die Versorgung mit einer Prothese angestrebt, kann es ratsam sein, einen erfahrenen Orthopädietechniker in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Zur optimalen Gestaltung der Gliedmaßenlänge, der umgebenden Weichteildeckung und damit des funktionellen Ergebnisses, ist es wichtig, dass Chirurgen mit den technischen Spezifikationen und den Anforderungen aktueller Prothesentechnologie vertraut sind.

AnwenderInnen profitieren von einem multidisziplinären Team bestehend aus ChirurgenInnen, OrthopädietechnikernInnen und TherapeutenInnen, die über Erfahrung in dem Bereich der betroffenen Extremität verfügen.

Dein Team im Akutkrankenhaus

Eine Amputation ist ein massiver Eingriff, der in der Regel in Amputations-Fachzentren vorgenommen wird – inklusive der umfassenden Vor- und Nachversorgung. Die medizinische Kompetenz und die Erfahrung der Experten helfen Dir dabei Vertrauen und Sicherheit zu gewinnen. Dies ist der beste Grundstein für einen schnellen Weg zurück in ein mobiles, aktives Leben und zu einer hohen Lebensqualität. Eine Amputation wirkt sich auf Dein gesamtes Leben aus. Das Klinikteam sollte sich daher aus Spezialisten verschiedener Disziplinen zusammensetzen. Idealerweise stehen Dir neben dem leitenden Arzt/der leitenden Ärztin auch speziell geschulte Therapeutenteams, Pflegekräfte, OrthopädietechnikerInnen und psychologische Fachkräfte zur Seite.

Ärzte

Sofern Du Deinen Arm oder Dein Bein nicht durch einen Unfall oder eine Notoperation verloren hast, ist es Aufgabe des Arztes/der Ärztin, Dich über die Vorbehandlung, den geplanten Eingriff und die weiteren Schritte zu informieren. Scheu Dich nicht davor alle Fragen zu stellen, die Dir wichtig sind und frag so lange weiter, bis alles geklärt ist. Hierbei kann Dich eine vorab erstellte Frageliste unterstützen und Dir zusätzliche Sicherheit im Gespräch geben. Zur Vorbereitung auf die Operation werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, die Aufschluss über Deine gesundheitliche Verfassung geben. Dazu gehören beispielsweise Blutbildanalysen und Herzfunktionstests In Absprache mit Deinem/Deiner OrthopädietechnikerIn legt der Arzt auch den Zeitpunkt für die erste Versorgung mit einer Prothese fest.

Pflegekräfte

Die Pflegekräfte sind während Deines Aufenthaltes wichtige Ansprechpartner um Fragen zu den Themen Wundversorgung, Stumpfpflege etc. zu klären.

Scheu Dich nicht davor sie anzusprechen – egal, ob es um offene Fragen geht oder Du ihre Hilfe benötigst.

Physiotherapie

Wenn möglich, ist bereits im Vorfeld der Operation eine physiotherapeutische Behandlung anzustreben.

Gezielte Übungen helfen dabei, Dich auf Situationen vorzubereiten, die Dich nach der Amputation erwarten , wie z.B. der Transfer vom Bett in den Rollstuhl oder Gleichgewichtsübungen.

Ergotherapie

PatientInnen und Familienangehörige werden bereits in dieser frühen Phase an rehabilitative und prothetische Möglichkeiten herangeführt. Es ist wichtig, diese Intervention frühzeitig zu beginnen, um Unsicherheiten und Ängste abzubauen, Unterstützung zu bieten und Dich mit Deiner Familie in das Rehabilitations-Team einzubinden. Muskeln, die Du später zum Steuern Deiner Prothese verwenden wirst, können in diesem Stadium bereits trainiert werden. Dein Team wird mit Dir darüber hinaus Deine individuellen funktionellen Bedürfnisse, Ziele und Wünsche besprechen, die Du zukünftig mit einer Prothese erreichen möchtest.

OrthopädietechnikerInnen

Dein(e) OrthopädietechnikerIn sollte frühzeitig in den Prozess einbezogen werden. Gemeinsam mit Dir, Deinen Ärzten und Physiotherapeuten/Ergotherapeuten wird besprochen, welche Prothese oder Prothesenpassteile medizinisch sinnvoll sind und Deinen Bedürfnissen entsprechen. Dein(e) OrthopädietechnikerIn ist ein wichtiger Begleiter auf Deinem Weg zurück in die Mobilität und Unabhängigkeit, da er/sie für alle Belange der prothetischen Versorgung zuständig ist. Umso wichtiger ist, dass Du ein gutes Vertrauensverhältnis zu ihm/ihr aufbauen kannst.

 Psychologische Betreuung

Du bist mit Deiner Situation nicht allein. Damit Du Dich auch nicht allein gelassen fühlst, erkundige Dich bei Deinem behandelnden Arzt, ob er Dir eine psychologische Unterstützung anbieten kann. In den Gesprächen mit Spezialisten lassen sich viele Fragen klären, Sorgen und Ängste besprechen, mindern oder ausräumen und z. B. auch Depressionen vermeiden. Letztendlich kann Dir das helfen, vor allem Dich selbst, aber auch Deine Angehörigen oder Freunde zu entlasten und schnell neue Kraft zu gewinnen.

Darüber hinaus hilft es vielen Menschen, sich schon im Vorfeld mit anderen Betroffenen über anstehende Veränderungen, Sorgen und Ängste auszutauschen. Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben, wissen wovon sie sprechen und können oftmals gute Tipps und Ratschläge geben. Eine Selbsthilfegruppe in Deiner Region findest du bei BMAB, dem Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V..

Was passiert nach der Amputation?

Nach der Amputation erfolgen Reha und Prothesenversorgung. Hier findest du alle wichtigen Informationen zur Rückkehr in den Alltag.