Anwenderin und Traininig Managerin Claudia erklärt das COAPT-System, die Kombination aus i-Limb® Quantum und dem COAPT Gen2 -System

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Anwenderin und Traininig Managerin Claudia

Claudia Breidbach ist Training Managerin Bionics Upper Limb bei der Össur Academy in Köln. Sie wurde mit einer Dysmelie geboren und trägt die i-Limb® Quantum seit vielen Jahren. Ihr Lebensmotto ist Programm "Wenn Du an Dich glaubst, dann kannst Du Deine Ziele erreichen!" Diesen Willen, das Ziel ein selbstbestimmtes Leben zuführen, das motiviert viele unserer AnwenderInnen.

Liebe Claudia Du bist Anwenderin und gleichzeitig Training Managerin an der Össur Academy. Das ist ja eine super Kombination und ein Glücksfall für alle AnwenderInnen, die zu Dir kommen. Nun ist seit einiger Zeit die i-Limb Quantum mit dem COAPT Gen2-System auf dem Markt. Kannst Du uns kurz das COAPT-System erklären? Was hat es damit auf sich?

Die i-Limb Quantum mit der COAPT Gen2-Mustererkennung ermöglicht AnwenderInnen eine intuitive Ansteuerung der Prothese. Ein gezieltes Training zur klaren Signaltrennung ist nicht weiter erforderlich. Gewohnte Griffmuster, die vor der Amputation das Greifen unterschiedlicher Gegenstände ermöglichten, werden mit der COAPT-Mustererkennung zur Griffaktivierung und Griffausführung der i-Limb Quantum-Hand genutzt. Bereits gewohnte Bewegungen, wie zum Beispiel das Öffnen oder Schließen der Finger, werden in das System eingelesen und ermöglichen dann die intuitive Greifbewegung der i-Limb-Finger. Das COAPT-System lernt beim Einleseprozess – Kalibrierung genannt –, erfasst dabei das Zusammenspiel der unterschiedlichen Muskelgruppen im noch vorhandenen Armstumpf und teilt diese den gewünschten Bewegungen und Griffmustern oder der Rotationsbewegung im Handgelenk zu. Bei dem Einsatzgebiet im Oberarm kann auch das elektronische Ellbogensystem Utah Arm 3+ über das COAPT-System angesteuert werden. Diese intuitive Ansteuerung wird durch acht Elektrodenpaare ermöglicht, die im Protheseninnenschaft integriert werden. Je nach Stumpflänge können Elektroden mehrfach belegt werden, sodass das System auch bei kurzen Stumpflängen eingesetzt werden kann.

Die COAPT-Mustererkennung mit der i-Limb Quantum kann auch bei angeborener Fehlbildung – Dysmelie genannt – sehr gut eingesetzt werden. Hierbei werden die Aktivitäten im Armstumpf herangezogen, wie zum Beispiel die Bewegung am Stumpfende oder Bewegungen der Knospen oder Hautfalten, um unterschiedliche Muskelgruppen zu aktivieren und Muster zu generieren. Auch hier gilt das gleiche Prinzip: Zu Beginn der Kalibrierung wird im COAPT-Computerprogramm ControlRoom die gewünschte Aktivität ausgesucht, zum Beispiel das Öffnen der Finger der i-Limb-Handprothese. AnwenderInnen verinnerlichen sich die Bewegung und fühlen in sich hinein, welches Muskelzusammenspiel in der betroffenen Seite sie dafür intuitiv nutzen möchten. Aus meiner Erfahrung wird hier gerne für die Öffnen-Bewegung das aktive Herausdrücken des Stumpfendes (zum Beispiel der Hautfalte) genommen, da diese Bewegung sogleich intuitiv mit dem Öffnen der Hand verknüpft werden kann. AnwenderInnen führen die kaum ersichtlichen Bewegungen in ihrem Armstumpf durch, das ControlRoom-Programm nimmt das Muskelzusammenspiel auf und teilt dieses Muster der Aktion der Prothesenbewegung zu, in dem Fall dem Öffner der i-Limb-Handprothese. Es ist hilfreich, diese Bewegung auch mit der kontralateralen Hand und auf unterschiedlichen Ebenen durchzuführen, das heißt mit nach vorne ausgestrecktem Arm, Arm locker hängen lassen, Arm im Ellbogen um 90° gebeugt usw. Ganz wichtig hierbei ist, dass sich AnwenderInnen mit Dysmelie ihre Muster erarbeiten und diese dann mit gedanklichen Bildern belegen, die sie intuitiv abrufen können.

“Da ich es selbst nutze, kann ich aus erster Hand sagen, dass es wirklich gut und zuverlässig funktioniert und einfacher ist, als es sich anhört.”

Wo liegen Deiner Meinung nach die klaren Vorteile bei dieser Weiterentwicklung?

Unser Add-on im Zusammenspiel zwischen der i-Limb Quantum und dem COAPT Gen2-System besteht neben der intuitiven Ansteuerung der multiartikulierenden Prothese in der zusätzlich gewonnenen Mustererkennung als fünfte Kontrolloption für die direkte Griffaktivierung und -ausführung. Mit der nun möglichen Mustererkennung als weitere Kontrolloption zur direkten Griffaktivierung können vier weitere Griffe intuitiv, direkt und ohne Umwege angesteuert und ausgeführt werden. Die bislang zur Verfügung stehenden Kontrolloptionen der i-Limb-Quantum-Handprothese – Gestensteuerung, App-Kontrolle, Muskelkontrolle und Annäherungskontrolle – bleiben auch weiterhin aktiv. Diese Kombination der Systeme ermöglicht eine intuitive Ansteuerung mit direkter Umsetzung der Bewegung und höchste Flexibilität, wodurch sich für die AnwenderInnen neue Möglichkeiten eröffnen. Eine Muskelsignaltrennung ist nicht mehr erforderlich. Der/die AnwenderIn nutzt die für sich logische, intuitive Muskelbewegung und entscheidet selbst, welche Aktion in der i-Limb-Quantum-Hand damit verknüpft werden soll.

Welche Neuerung fällt Dir als Anwenderin am meisten im Alltag auf?

Die Ansteuerung der Prothese ist sehr intuitiv, nahezu instinktiv geworden. Mein Griffportfolio hat sich um vier Griffe erweitert, die ich zusätzlich fast unterbewusst auswähle und in die Erledigung meiner Alltagstätigkeiten integriere. Zusammen mit den vier Griffen der Gestensteuerung, weiteren drei Griffen der Muskelkontrolle und den von mir genutzten fünf Grip Chips bin ich sehr gut aufgestellt, um meine Alltagstätigkeiten zu erledigen. Ich werde häufig gefragt, ob ich zur Erledigung der Alltagstätigkeiten überhaupt so viele verschiedene Griffe nutzte. Meine Antwort darauf ist, dass ich gerne selbstbestimmt lebe und auch ein Recht dazu habe, unterschiedliche Griffe nutzen zu können. Ich halte mir gerne alle Optionen offen, um meine Bedürfnisse und Alltagsaufgaben immer beidhändig mit unterschiedlichen Griffen erledigen zu können. Ich möchte meine Aufgaben so ziemlich nah an der Realität bewältigen, beidhändig zugreifen und Griffabfolgen nutzen, ohne für den Griffwechsel meine kontralaterale Seite einsetzen zu müssen. Das ist ein gutes Gefühl, macht mich zufrieden und stolz.

Da Du auch als Trainerin an der Össur Academy tätig bist, hast Du mit vielen unterschiedlichen AnwenderInnen zu tun. Wo liegen generell die größten Probleme im Umgang mit der Prothese?

Die Erwartungshaltung ist oftmals sehr hoch. Die Realität im Umgang mit der Prothese ist jedoch oftmals sehr ernüchternd. Der Umgang und tägliche Gebrauch der Prothese müssen erlernt und trainiert werden. Das kostet Zeit und ist mit Geduld verbunden. Dinge und Aufgaben, die bislang intuitiv mit den verkürzten Gliedmaßen und der kontralateralen Seite blitzschnell erledigt werden konnten, dauern zu Beginn der Prothesennutzung gefühlt viel zu lang. Muskelkater an vielleicht noch nie gefühlten Körperstellen kommt hinzu, wenn man am Vortrag die Tragezeit der Prothese überschritten hat. Jeder Tag ist anders – gerade zu Beginn der Prothesennutzung. Manchmal gelingen Alltagsaufgaben sehr gut mit der neuen Prothese, an manchen Tagen gibt es Probleme in der Handhabung und Rückschläge, die Frustration hervorrufen. Menschen mit Dysmelie können sich nur sehr schwer vorstellen, welche Vorteile ein beidhändiges Greifen ermöglicht. Wie auch –, sie vermissen es nicht, da sie es nie konnten. Die Passform der Prothese muss perfekt auf die Belange der anwendenden Person abgestimmt sein. Das Tragen des Gewichts der Prothese muss trainiert werden. Schritt für Schritt und jeder/jede in seinem/ihrem Tempo. Es ist ganz klar, dass die Profinutzer bionischer Prothesen, die bereits diese Hürden gemeistert haben, mit ihren wunderbaren Gebrauchsvideos oder die schönen bunten Bilder im Internet von diesen Hürden zu Beginn der Prothesennutzung nichts erzählen. Die Eingewöhnung in das Tragen und die Nutzung der Prothese im Alltag bedürfen des Trainings und kosten Zeit und Mühe. Ich selbst wurde mit einem kurzen Unterarmstumpf geboren und trage die i-Limb nun bereits seit elf Jahren. Zu Beginn konnte ich noch nicht einmal ein Muskelzucken im Unterarm willentlich ansteuern. Heute nutze ich meine Prothese den ganzen Tag, sieben Tage die Woche und steuere sie intuitiv. Das schaffst du auch!

Kannst Du einfache Übungen für ein Training zu Hause empfehlen?

Zu Beginn des Prothesentrainings ist es wichtig, dass der Prothesenschaft eine perfekte Passform hat, nichts drückt und keine Hohlräume im Innenschaft vorhanden sind, wo sich Schweiß bilden kann. Zudem ist es wichtig, dass du dich mit deiner Prothese wohlfühlst. Eine erste Übung für dich besteht darin, dass du die Prothese im gestreckten Arm seitlich bis auf Schulterhöhe anhebst und dort für zunächst fünf Sekunden hältst, ohne dabei die Muskeln aktiv anzuspannen. Achte darauf, dass du eine aufrechte Körperhaltung während der Übung beibehältst, die Schultern auf einer Höhe bleiben und nicht nach vorne einknicken oder hochgezogen werden. Am besten positionierst du dich vor einem Spiegel und kontrollierst dich dabei visuell. Nach fünf Sekunden kannst du den Arm wieder hängen lassen. Atmen nicht vergessen! Nach zehn Sekunden wiederholst du die Übung. Versuche dabei, in dich hineinzuspüren und ein Gefühl für die aufrechte Schulterposition beim Anheben der Prothese zu bekommen. Du kannst dabei auch einmal zwischendurch die Augen schließen, um dein Bewusstsein zu festigen. Diese Übung kannst du fünfmal wiederholen. Im Anschluss daran kannst du die Aufwärtsrichtung beider Arme vor dir in Angriff nehmen. Strecke beide Arme vor dir aus und bringe sie auf Schulterhöhe, ohne die Muskeln aktiv anzuspannen, um den Prothesenschaft nicht zu verlieren. Ein gut passender Prothesenschaft hält von ganz allein! Kontrolliere deine Körperhaltung. Nimm die Bewegung wahr, halte die Position für fünf Sekunden. Atmen nicht vergessen. Danach Arme für zehn Sekunden hängen lassen und entspannen. Diese Übungen kannst du zeitlich ausdehnen oder auch mit zunächst 250-Gramm-Gewichten in beiden Händen steigern. Die Übung wird dir helfen, deine Kraft zu verbessern,  Schulterpartie und Armmuskulatur zu kräftigen und ein Gespür für eine aufrechte Körperhaltung zu bekommen. Anwender*innen mit Oberarmversorgungen können die Übung zunächst mit herabhängendem Prothesenschaft, einer Beugung von 45° und danach mit einer 90°-Beugung im Ellbogengelenk durchführen. Auch hierbei auf die Haltung achten.

Auf diese Übung aufbauend können wir Greifübungen hinzufügen. Bitte hierbei wieder vor den Spiegel treten. Greife ein robustes Objekt ohne großes Gewicht mit deiner Handprothese. Sobald du es gegriffen hast, entspanne deine Muskeln und hebe deine Prothese seitlich bis auf Schulterhöhe an. Verweile dort für fünf Sekunden und senke danach den Arm. Entspanne für zehn Sekunden. Hebe dann deine Prothese bis auf Schulterhöhe vor dir hoch, ohne deine Muskeln im Armstumpf aktiv anzusteuern. Halte die Position fünf Sekunden lang und senke den Arm. Die nächste Steigerung ist dann, ein Objekt zu greifen, die Prothese auf Schulterhöhe für fünf Sekunden zu halten und dann aktiv das Öffnen-Signal zu geben, um das Objekt dort loszulassen. AnwenderInnen mit Oberarmversorgungen können die Übung zunächst mit herabhängendem Prothesenschaft, einer Beugung von 45° und danach mit einer 90°-Beugung im Ellbogengelenk durchführen. Auch hierbei unbedingt auf die Haltung achten.

Wie muss man sich die moderne Prothetik der Zukunft vorstellen? Hast Du da eine Vorstellung? Was wird die Technik dann leisten können?   

Aus meiner Sicht wird die zukünftige Prothesengeneration noch intuitiver werden, Abläufe besser unterstützen und vielleicht sogar visuell angesteuert werden können. Die Prothese der Zukunft wird NutzerInnen noch mehr Feedback geben können und den großen Traum des Fühlens ermöglichen. Die Prothesen erlernen Abläufe und Abfolgen, die dann automatisiert von der Prothese durchgeführt werden können.

“Ein Traum von mir wäre es, beidhändig mit zehn Fingern Klavier spielen zu können. Ich denke, dass dieser Wunsch eines Tages in Erfüllung gehen wird. Ist alles nur eine Frage der Zeit.”